Fernsehen muss nichtfunktionieren dürfen

Beitrag für dem Schwerpunkt „TVTV“ im „Versorger“, der Zeitung der Linzer Stadtwerkstatt

Fernsehen muss nichtfunktionieren dürfen

In Wien soll in rund einem Jahr ein Offener Fernsehkanal senden.

Vor mehr als 2 Jahren haben die Grünen im Wiener Gemeinderat die Absicht kundgetan, im Rahmen eines ausserkoalitionären Abkommens mit der SPÖ einen Offenen Fernsehkanal ermöglichen zu wollen. 2002 entstand eine Machbarkeitsstudie (unter Beteiligung des Autors), jetzt (Oktober 03) wurden konkrete Pläne zur Umsetzung und Finanzierung bekannt gegeben. Mit einer runden Million Euro pro Jahr wird das Projekt zu fast 100% von der Stadt gefördert, als Träger soll ein Verein aus „renommierten Persönlichkeiten aus dem Bereich Medien, Kunst, Wissenschaft und anderer für die Gesellschaft wichtiger Bereiche“ (Pressetext) die Unabhängigkeit vom Rathaus garantieren. Der Community Media Cluster Vienna (www.cmcv.at), eine Interessensvertretung der alternativen Medien in Wien, sieht in der vorgestellten Lösung „einen sinnvollen Startpunkt“, weist aber gleichzeitig darauf hin, „dass das Projekt nur dann erfolgreich realisierbar bleibt, wenn es gelingt, die Konzeption politisch unbeeinflusst umzusetzen.“

Wenn der Offene Fernsehkanal in Wien in rund einem Jahr endlich senden wird, dann kommt er über 20 Jahre später als seine Pendants in den meisten anderen westlichen Demokratien. Die Verspätung Österreichs kann aber auch als Chance verstanden werden. Denn seit der Gründung von Public Access TV in der EU und den USA hat sich in der Medienlandschaft einiges getan, worauf zu reagieren sich lohnen würde.

Geändert hat sich in den letzten zehn Jahren vor allem nämlich die Art, in der das etablierte Fernsehen – ob öffentlich-rechtliches oder privates – gemacht wird. In der Produktion selbst, also noch bevor es ans Quotenmessen geht, ist das Maß aller Dinge, dass eine Sendung „funktioniert“, dass sie schön smooth dahingeht und sich ohne Borsten, Ecken und Kanten an die Zuschauersinne anschmiegt. Der Offene Kanal darf auch heute noch Fernsehen machen, von dem man vorher nicht weiß, ob es „funktioniert“. Er darf sich beim Kampf gegen das Scheitern zusehen lassen und wird damit ab und zu trashig oder unfreiwillig komisch, meistens aber als bunt, lebendig und sympathisch erscheinen.

Das Denken an Zielgruppe und Quote ist ja per se noch nicht verkehrt. Je mehr Menschen eine feine Sendung sehen können und wollen, desto besser. Problematisch wird’s, wenn das Maximieren der Quote der einzige Selbstzweck einer Sendung ist. Wenn nicht eine Sendung gemacht und für sie ein möglichst großes Publikum gesucht wird, sondern ein Publikum (mit hoher Kaufkraft in einem möglichst spezifischen Markt) gesucht wird, dem man dann eine Sendung an-designt und dem man sich anbiedert.

Getrieben ist diese neue Machart des Mainstream-Fernsehens von der Angst, der Zuseher könnte gelangweilt oder überfordert werden und ans Umschalten denken. Alle müssen alles verstehen können, inhaltliche Irritationen oder ein sich-nicht-angesprochen-Fühlen dürfen nicht erzeugt werden. Doch wo nichts vorausgesetzt werden darf, da fällt es den ohnehin kurzen und dramaturgisch eng gesteckten Formaten schwer, in die Tiefe zu gehen.
Ein Offener Kanal darf Sendungen machen, die Insider-Wissen, Szene-Dialekte oder exotische Fremdsprachenkenntnisse voraussetzen. Er darf und er wird Mehrheiten vom Verstehen oder Angesprochensein ausschließen, um viele einzelne Communities zu bedienen. Wer dennoch dranbleibt, bekommt ab und zu autistisches, meistens aber höchst authentisches Fernsehen geliefert.

Zum Programmauftrag eines Offenen Fernsehkanals

Anders als die Access-TV-Kanäle der alten Schule aus den 80ern darf und sollte sich der Offene Fernsehkanal in Wien einen „Programmauftrag“ geben. Also über die Aufgabe der Zurverfügungstellung von Sendezeit, Equipment und Coaching hinaus planerisch an seinem Programm arbeiten und es bewusst mitbestimmen, indem er nicht nur auf Programmgestalter wartet, sondern zusätzlich auch welche einlädt und motiviert, die er gerne noch dabei hätte.

In den Recherchen zur Studie für einen Offenen Kanal in Wien haben wir mit über 100 an der Programmproduktion interessierten Institutionen und Gruppen gesprochen. Einige kamen auf uns zu, andere haben wir selbst eingeladen. Das Potential in Wien ist riesig, und es wird sich nach dem tatsächlichen Sendestart mit Sicherheit noch erweitern. Unter den eingegangenen Sendungskonzepten findet sich unter anderem eine wöchentliche Sportübertragung aus der Wiener Fußballliga, einige Filmsendungen, eine Kochsendung, Literatursendungen, ein Obdachlosenmagazin, Live-Übertragungen von Diskussionsabenden, eine Reihe von politischen Magazinen, ein Schülerfernsehen und ein Unifernsehen genauso wie jede Menge Diskussionskonzepte vom Alltags-Talk-Format bis zu akademischen Zirkeln mit ambitionierten Ansprüchen.

Erstaunlich und erfreulich ist das große Potential an Fiction-Inhalten. Filmemacher, Kinos, Vertriebe und Archive in Wien haben zugesagt, regelmäßig Spielfilme und Kurzfilme zeigen oder ganze Themenabende kuratieren zu wollen. Eine Gruppe von Jugendlichen hat sich zum Ziel gemacht, eine Soap über die „Zweite Generation“ zu produzieren. Die Locations und Labels der alternativen Club- und Musikszene in Wien werden Musiksendungen mitgestalten und Konzerte live übertragen. Schließlich gibt es ein überwältigendes Interesse an „muttersprachlichen“ Sendungen der in Wien lebenden ethnischen Communities. Und so wie das freie Radio Orange in Wien so etwas wie das „Ö3 der Türken“ geworden ist, kann sich auch der Offene Fernsehkanal in diesen Zielgruppen auf satte Einschaltquoten und hohe Akzeptanz freuen.

Aus all diesen Bestandteilen kann ein Offener Fernsehkanal ein unverwechselbares und wiedererkennbares Programmschema basteln, das täglich ab 17 oder 18 Uhr eine fixe dreistündige Magazinleiste, danach einige Stunden flexibel gestaltetes Abendprogramm bringt, und noch genug Platz lässt für jenes noch schwer einzuschätzende Potential von Leuten, die vorbeikommen werden, um eine Videokassette abzugeben oder einen einzelnen Beitrag im Studio des OK zu produzieren.

Internationalisierung der Nichtkommerziellen gegen die Regionalisierung der Kommerziellen

Anfang der 90er Jahre hatte ganz Europa ein gemeinsames MTV. Die Moderatoren kamen aus allen Teilen Westeuropas, redeten in einfachem auch auf dem Kontinent verständlichen Englisch und vor allem mit einem breiten Akzent. MTV Europe hat der Generation, die beim Fall des Eisernen Vorhangs zwischen 15 und 25 waren, Europa beigebracht. Bis VIVA kam. Der teutonische Musikvideokanal hat mit deutscher Moderation und „jüngerem“ (ist gleich hysterischem) Programm eingeschlagen wie eine Bombe. MTV kam sehr bald mit einer deutschen Variation, später auch mit einer spanischen, französischen und italienischen. Während also die Medienkonzerne global fusionieren, werden ihre Programmbouquets regionalisiert und die Märkte künstlich getrennt.

Hier liegt eine doppelte Chance eines Offenen Fernsehkanals. Er kann gleichzeitig internationaler und lokaler sein als alle anderen. So international wie ARTE und trotzdem fast so lokal wie WohnparkTV, der eigene (und offene!) Kanal der Wiener Hochhaussiedlung Alt-Erlaa. Mit täglich einer Stunde Programm aus anderen offenen Kanälen und Videonetzwerken auf Englisch, täglich einer weiteren Stunde Import in anderen Sprachen, mit dauerhaften Kooperationen unter allen österreichischen und mit einigen deutschen Projekten kommt die weite Welt herein und es werden nicht zuletzt die Orchideen sichtbar, die auf dem Grund des „dritten Mediensektors“ in aller Welt gedeihen. Dank Breitband-Internet und Videokompression ist der technische Aufwand hinter einem solchen Programmaustausch heute überschaubar.

Wenn der Offene Fernsehkanal sich in der Medienlandschaft von heute – neben dutzenden anderen TV-Sendern und vor allem neben dem Internet, das alle Formen von Communities mindestens genauso effizient vernetzen kann – wenn er sich also in so einer Welt nachhaltig etablieren will, dann muss er sich im Bewusstsein der veränderten Ausgangslage als eigenständige Marke verstehen, die wegen ihrer eigenen Qualitäten und ihres vielfältigen inhaltlichen Angebots bewusst ausgewählt wird. Die Voraussetzungen dafür sind heute und hier nicht die schlechtesten.

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